Dass es mit den Männern noch einmal ein schlimmes Ende nehmen wird, gilt längst als ausgemacht. Nicht nur äußerlich neigen sie zur Hinfälligkeit, mit lichter Stirn, gewölbtem Bauch und kränklicher Gesamterscheinung. Nein, ihre Männlichkeit an sich ist das Problem: Testosteron, soviel ist bekannt, ruft Krieg, Elend und Sexismus hervor. Und selbst der aufgeblasenste Muskelprotz, erklärt Germaine Greer in ihrem neuen Buch "Der Knabe", ist im Grunde nichts weiter als ein denaturierter, unterdrückter Jüngling, dem alles Weibliche, Unbekümmerte, Kindlich-Erotische im "Big-business der Männerwelt" ausgetrieben worden ist.
"Eine Person männlichen Geschlechts", so Greer, "ist schön, solange die Wangen glatt sind, der Körper unbehaart, das Haupthaar dicht und voll, die Augen klar, der Bauch flach und das Wesen schüchtern". So weit, so niederschmetternd für den übrig gebliebenen Rest der Männerwelt - und so erfrischend lustvoll für die Frauen, denen, so Greer, endlich einmal das Recht zugestanden werden müsse, was seit alters her für Connaisseure beiderlei Geschlechts galt: unschuldige, nackte Knaben zu begehren.
(Süddeutsche Zeitung, 26. 11. 2003, Nr. 272, S. 16, Literatur)