Noch ein Alt-Achtundsechziger

Was wirklich zählt: Die ultimativen Highlights der abendländischen Kultur, Folge 2


Natürlich hat sich Dieter Bohlen nicht immer als Mittelpunkt der Welt gefühlt. Damals, im Frühling 1967, glaubte er noch daran, dass aus dieser kapitalistischen Scheißwelt irgendwann einmal eine brüderliche werden könnte. Er war 13 Jahre alt und lebte in einem Vorort von Oldenburg, er las nicht die "Bild", sondern vergötterte "Das Kapital" von Karl Marx. Und wenn einmal ein Mercedes die Dorfstraße herunterbretterte, dann schrie der kleine Dieter mit hoher Krähstimme "Scheiß-Bonzenkarre!" hinterher.

Dumm nur, dass Vater Hans ein Bauunternehmer war. 200 Arbeiter schufteten unter seinem Kommando. Und als ob das noch nicht genug gewesen wäre - Vater Bohlen fuhr auch noch einen "Scheiß-Bonzen"-Mercedes. Etwas musste geschehen. Also kletterte Dieter Bohlen eines Nachmittags auf das Flachdach seines Elternhauses - und rief seine eigene Revolution aus. An der schiefen Fernsehantenne hisste er die kommunistische Flagge mit Hammer und Sichel.

Abends, als Vater Bohlen von der Arbeit kam, war die Revolution wieder vorbei. Die Flagge musste runter und Dieter ins Badezimmer, wo Bohlen senior dem Sohn eine Standpauke über Recht und Ordnung hielt.

(Alles Bohlen, oder was? In: Stern. 41/2003, S. 216)
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* © Günther Emig