Ludwig Pfau


Claude Tillier (Auszug)

Zu Anfang der fünfziger Jahre, als ich eines Tags durch Paris schlenderte und vor einer jener fliegenden Buchhandlungen stehenblieb, welche auf den Brüstungen der Kais und unter den Schwibbögen der Häuser ihren Kram ausbreiten, fielen meine Blicke auf ein geheftetes Bändchen von schadhaftem Aussehen. Kein Umschlag, kein Titel, kein Vorwort, weder Verfasser noch Drucker - nichts als ein angeklebter Schmutztitel mit den drei Worten: "Mon Oncle Benjamin." Ich weiß nicht, welche Anziehungskraft die drei Worte auf mich ausübten, aber sie schienen mich freundlich anzublicken, als wollten sie sagen: "Blättre nur um, es wird dich nicht gereuen." Ich ließ mich nicht lange bitten, und in der Tat! kaum hatte ich ein paar Seiten überflogen, als mich Stil und Inhalt so fesselten, daß ich das Buch kaufte und zu mir nahm. Ich ging in den Luxembourg-Garten, setzte mich unter einen Kastanienbaum und stand nicht wieder auf, bis es zu Ende gelesen war.

Lange Zeit hatte mir kein Buch eine so herzliche Befriedigung gewährt; aber von wem war es? Der einfache, knappe und bestimmte Stil schien der des achtzehnten Jahrhunderts: die natürliche Erzählung ohne Rückhalt und Umschweif erinnerte an Voltaire, Diderot und Lesage; das innige Gefühl für Natur und Menschheit streifte wohl auch an die Empfindsamkeit Rousseaus. Aber die ganze Ausdrucksweise war naturwüchsiger, volkstümlicher, farbiger; und selbst wenn der Verfasser sich nicht als einen Enkel jener Generation eingeführt hätte - der Geist der Freiheit und Gleichheit, der sein Buch durchdringt, zeigte zu viel modernes Bewußtsein, um nicht an den Mutterbrüsten der Revolution getrunken zu haben. Überdies war, trotz aller jener Familienähnlichkeit, der Charakter des Schriftstellers ein so selbständiger, sein Humor ein so besonderer, daß diese sich nur aus der Eigentümlichkeit des Menschen erklären ließen

Wie groß daher meine Freude über die Schönheit des Buches war, fast größer noch war mein Erstaunen über die Verschollenheit des Verfassers. Wie kam es, daß ein Mann von solchem Talent nicht in aller Mund war? Wie konnte ein Schriftsteller, dem die Teilnahme des Lesers so lebhaft entgegenkommt, ganz im Verborgenen bleiben? Längere Zeit hielt ich bei Literatur und Buchhandel vergebliche Umfrage, bis es mir gelang, die Spuren meines großen Unbekannten, der allerdings inzwischen etwas bekannter geworden ist, aufzufinden. Ich erfuhr nun durch Proudhon, daß er Claude Tillier heiße, in der Provinz gelebt habe, in der Provinz gestorben sei und deshalb von Paris ignoriert werde.

Claude Tillier ist wohl in diesem Jahrhundert der einzige französische Schriftsteller von höherer Begabung, der sich entschließen konnte, im Dunkel einer kleinen Stadt seine bescheidene Rolle zu spielen.


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