Ludwig Pfau (1821-1894)
Eigenhändiger Lebenslauf, um 1890
(Erschienen in: Ludwig Pfau Blätter. Ausgabe 1. Heilbronn 1993)
Ich bin den 25. Aug. 1821 zu Heilbronn
geboren. Mein Vater war Kunstgärtner. Zum Studium der Theologie
bestimmt, besuchte ich das Gymnasium meiner Vaterstadt. In Folge
religiöser Zweifel und großer Vorliebe für die
Beschäftigung mit der Natur trat ich jedoch in das Geschäft
meines Vaters und im Frühjahr 1839 als Volontär in eine
große Handelsgärtnerei bei Corbeilles oberhalb Paris.
Unbefriedigt von dieser doch mehr materiellen Thätigkeit
begab ich mich im folgenden Jahre nach Paris, wo ich mich mit
dem Studium der franz. Sprache und Literatur, mit Zeichnen und
Kunststudien beschäftigte. Im Frühjahr 1841 in die Heimat
zurückgekehrt, studierte ich in Tübingen Philosophie,
widmete mich fortan in Karlsruhe in Gesellschaft meines Freundes
Hermann Kurz literarischen Arbeiten und veröffentlichte die
erste Auflage meiner "Gedichte" (Frankf. 1847;
4. Aufl. Stuttg. 1889). Ende 1847 gründete ich in Stuttgart
ein illustirtes satyrisches Wochenblatt - das erste politische
Karikaturenblatt in Deutschland -, unter dem Titel "Eulenspiegel",
welches durch die Volkserhebung von 1848 schnell Verbreitung gewann.
Meine Betheiligung bei der Bewegung als Mitglied des württembergischen
Landesausschusses nötigte mich nach Sprengung des Stuttgarter
Rumpfparlaments zur Flucht in die Schweiz um der Verhaftung und
dem Hochverratsprozeß zu entgehen, bei welchem ich in contumaciam
zu 21 Jahr Zuchthaus verurteilt wurde. Nachdem ich mich dritthalb
Jahre in Zürich und Bern aufgehalten, ging ich im Frühjahr
1852 nach Paris, nahm meine Kunststudien wieder auf, beschäftigte
mich, von der Weltausstellung 1855 angeregt, auch eingehend mit
der gewerblichen Kunst und wurde Mitarbeiter des "Temps"
für die stilistische Sparte. Anfang der sechziger Jahre begab
ich mich nach Antwerpen und Brüssel, schrieb eine größere
Studie über die belgische Malerei für die "Indépendance
Belge", besuchte 1862 die Londoner Weltausstellung, um
für dasselbe Blatt einen ausführlichen Bericht über
die gewerbliche Kunst zu erstatten, und gab eine ästhetische
Schrift, Etudes sur l'Art (Paris 1862), heraus. Nach Verjährung
meines Prozesses kehrte ich Ende 1863 nach Stuttgart zurück,
redigirte dort, nach Wiederaufrichtung der demokratischen Partei,
in Gemeinschaft mit meinen Freunden Karl Mayer und Julius Haußmann
eine zeitlang den "Beobachter", begab mich Ende
1864 nach Augsburg, schrieb in der "Allgem. Ztg."
eine Reihe "Artistische Briefe", für welche
mir die Münchener Akademie ein Dankschreiben votirte und
gab eine erweiterte deutsche Umbearbeitung meiner französischen
Kunstschrift in Begleitung anderer kritisch-ästhetischer
Abhandlungen in einem Sammelband unter dem Titel "Freie
Studien" heraus (Stuttgart 1865-66). Abwechselnd in Paris
und Stuttgart mich aufhaltend, und die Kunst- und Weltausstellungen
besuchend schrieb ich neue ästhetisch-kritische Berichte
in verschiedenen französischen und deutschen Zeitschriften,
veröffentlichte "Kunstgewerbliche Musterbilder aus
der Wiener Weltausstellung" (Stuttgart 1874) und veranstaltete
eine Gesamtausgabe meiner ästhetischen Schriften in 6 Bänden
unter dem Titel "Kunst und Kritik" (Stuttgart
1888), von welchen 4 erschienen sind: "Maler und Gemälde",
"Bild und Bauwerke", "Freie Studien"
(3. Aufl.), "Literarische und historische Skizzen"
(2. Aufl.). Im Druck begriffen sind "Lichtbild und Kunstbild"
und "Ästhetik der gewerblichen Kunst".
Von Übersetzungen veröffentlichte ich: "Fabeln
nach Lachambeaudie" (erste Auflage Dessau 1856) und "Bretonische
Volkslieder", gemeinschaftlich mit Moritz Hartmann, erste
Auflage Köln 1859; beide wurden in der dritten Auflage der
"Gedichte" wieder abgedruckt und erschienen
dann in einem besondern Bande unter dem Titel: "Fabeln
und Volkslieder" als dritte Auflage (Stuttgart 18 ),
des weiteren: "Mein Onkel Benjamin von Claude Tillier"
(Stuttgart 1866; 3. Aufl. 1891) und die von mir zum Teil übersetzte
zum Teil redigirte Sammlung: "Ausgewählte Werke
von Erckmann=Chatrian" (12 Bände, Stuttgart 1882).
Als wichtige Bausteine
zur Biographie müssen Pfaus eigenhändige Lebensläufe
gelten, von denen der eine im Stadtarchiv Stuttgart, der andere
im Deutschen Literaturarchiv in Marbach verwahrt wird. (Stadtarchiv
Stuttgart: Ludwig Pfau, Lebenslauf, undatiert (ohne Nummer). Deutsches
Literaturarchiv, Marbach/Neckar: Ludwig Pfau, Lebenslauf, undatiert
(A: Pfau)). Wiedergegeben ist der Text der Marbacher Handschrift.
Im Gegensatz zur Stuttgarter Fassung, die als Reinschrift vorliegt,
handelt es sich bei dem Marbacher Manuskript um einen Entwurf
mit zahlreichen Korrekturen, die gewissermaßen die Stuttgarter
Angaben um wenige Jahre weiterschreiben.
Bei dem Marbacher
Manuskript handelt es sich um ein zweiseitig beschriebenes Blatt
im Format 18 x 16,5 cm. Wegen der vielen Korrekturen sowie wegen
der Flüchtigkeit der Schrift ist der Text teilweise nur schwer
lesbar. Die ursprüngliche Fassung ist mit Tinte geschrieben.
Die Rückseite des Blatts weist im unteren dritten Viertel
Bleistiftkorrekturen sowie am linken Rand leicht verwischte Ergänzungen,
ebenfalls mit Bleistift geschrieben, auf. Einen Anhaltspunkt für
die Datierung bietet die korrigierte Auflagenbezeichnung von Tilliers
"Onkel-Benjamin"-Übersetzung: Während
im ursprünglichen Text noch die 2. Auflage von 1876 genannt
war, korrigierte Pfau später in 3. Auflage 1891. Der ursprüngliche
Text dürfte demnach um 1889/90 entstanden sein. Für
die Transkription der Handschrift wurde die aktuellste Textvariante
zu Grunde gelegt.
Zur Überlieferungsgeschichte
des Manuskripts: Geheimrat Otto Güntter, langjähriger
Vorstand des Marbacher Schillermuseums, berichtet, daß es
zusammen mit anderen Materialien 1942 nach Marbach gekommen ist.
Güntter: "1942 kamen als Stiftung [zu den damals
bereits vorhandenen Pfau-Archivalien] noch hinzu Gedichte, 132
Briefe an Anna Spier, 1885 bis 1894, und Aufzeichnungen von ihr
über Pfau, ein von Pfau selbst geschriebener Abriß
seines Lebens." (Güntter, Otto: Mein Lebenswerk.
Stuttgart 1948: Klett, S. 185. (Veröffentlichungen der Deutschen
Schillergesellschaft)).
Im Zugangsbuch
Nr. 4 des Schillermuseums findet sich unter der Inventarnummer
48775 der Name des Stifters: Dr. Theodor Heuß, Berlin-Lichterfelde.
Zu dieser Stiftung
existiert in der Altregistratur des Deutschen Literaturarchivs
in Marbach ein Briefwechsel zwischen Heuss und dem damaligen Leiter
des Schillermuseums, Georg Schmückle.
Für die Erlaubnis
zum Abdruck des Manuskripts ist dem Deutschen Literaturarchiv
in Marbach zu danken, für zahlreiche ergänzende Hinweise
danke ich Herrn Winfried Feifel.
Günther Emig