![]() |
Ernst Helmuth Flammer© 2000 by Günther Emig |
317 S., Gr8°, ISBN 3-931060-44-6 Kart. 38,- DM. Erhältlich im Buchhandel oder bei Stadtbücherei Heilbronn, Kirchbrunnenstr. 12, D-74072 Heilbronn, Fax (07131) 96 29 31.
Rezension von Peter Becker in: Diskussion Musikpädagogik. H. 8/IV, 2000. Ludgert-Verlag, Oldershausen. S. 102-103:
Max Bense unterscheidet in seinen Fragmenten über das vierfache Engagement vier Haltungen, die - in je eigener Akzentuierung - schöpferischen Individualitäten ihr besonderes Profil geben. Diese vier Haltungen sind das existentielle Engagement, das politische Engagement, das intellektuelle Engagement und das artistische Engagement. Legt man dieses Raster an das umfangreiche Oeuvre Ernst Helmuth Flammers, so wird deutlich, daß alle vier genannten Komponenten gleichermaßen Anteil haben an einem kompositorische Profil ganz eigener Art. Die Unverwechselbarkeit dieses Profils verdankt sich dem Zusammenspiel aller vier von Bense genannten Haltungen. Genau das ist das Wasserzeichen der Partituren Flammers, die Musik als existentielle Erfahrung artikulieren, auf Veränderung des Bestehenden insistieren, für ein mitdenkendes Hören plädieren und - im künstlerischen Experiment - Musik als Teil eines einzigen großen Experimentum mundi (Ernst Bloch) exponieren.
Flammers Musik ist komplex und hörsam zugleich, und so erreicht sie den Hörer auch ohne das flankierende Wort. Gleichwohl sind Flammers hinführende Texte von unschätzbarem Gewinn für jeden, dem daran gelegen ist, das Gehörte im pluralen Umfeld heutigen Komponierens zu verorten. Aber noch in seinen Aufsätzen, Vorträgen und Kommentaren, die sich nicht explizit mit dem eigenen Werk befassen, spiegelt sich eine Haltung wider, die immer auch das eigene Schaffen grundiert. So gelesen ist der erste Band seiner Schriften zur Musik aus zwei Jahrzehnten auch Spiegelbild und komplementäre Ergänzung des eigenen Oeuvre. Ob Flammer über Zeit und Begrenzung (S. 22 ff.) oder über Neoklassizismus, historische Legitimation des Komponierens? (S. 66 ff.) räsoniert, ob er Bachs geschichtlichem Ort (S. 198 ff.) oder der Geschichtsmächtigkeit der Musik Bruckners und Mahlers nachspürt (S. 266 ff.), ob er der Frage nach Form und Gehalt in Analysen von Werken Luigi Nonos (S. 82 f.), Klaus Hubers (S. 101 f.) und Hans Werner Henzes (S. 123 f.) nachgeht oder die Kategorie des Zufalls bei Joseph Beuys und John Cage problematisiert (S. 212 f.): immer sind Flammers Beobachtungen, Optionen und Einwendungen mit kompositionsästhetischen Implikationen verquickt, und so konturiert sich im kritisch-analytischen Zugriff des Musikwissenschaftlers Flammer zugleich der eigene Standort des Komponisten.
Die wichtigsten Facetten solcher Verortung werden in den Kommentaren zum Oratorium Der Turmbar zu Babel, Uraufführung 1983 (S. 181 ff.) und zum Streichquartett Nr. 4 (Le voyage éternel de l'oiseau de feu, Uraufführung 1987) entfaltet. (S. 255 ff.) "Die Zeitreise des Feuervogels, jenes stets neugierigen Wesens, stets auf Wanderschaft zu neuen Ufern, sich mit Verve auf das Neue stürzend, unbekümmert, das Risiko nicht scheuend, sondern es als Herausforderung suchend, meint die Obsession der Reise ins Unendliche, immer wieder hart unterbrochen durch den ,Störenfried`, immer wieder angehalten durch die Dynamik sich überstürzender Ereignisse, doch schließlich für immer ins Virtuelle, ins Offene aufbrechend" (S.256). Das ist Flammers Kompositionsästhetik in nuce. Sie hat in dem Programmbuchtext Innen und Außen - Ein Versuch (1994) ihr kämpferisch-polemisches Pendant, das mit der Fetischisierung des Stilbegriffs ("Stil bedeutet mir als Musiker etwas Erkaltetes, Materie, die sich nicht mehr formen läßt. (...) Der Stil hat die Schau der inneren Notwendigkeit verdrängt" (5.253) ebenso abrechnet wie mit der Strapazierung des Projektgedankens: "Das Schlagwort Projekt gaukelt Inhaltlichkeit vor, trägt aber in Wahrheit dazu bei, inhaltliche Auseinandersetzungen zu vermeiden."
In seiner kritischen Einschätzung des Musikbetriebs trifft sich Flammer mit Helmut Lachenmann. Beider Werke löcken immer auch gegen den Stachel des ästhetischen Apparats, um dann allerdings in einem dialektischen Prozeß zu einem neuen Schönheitsideal jenseits eingefahrener Vorstellungen und Erwartungen zu gelangen. Als künstlerischer Leiter des Festivals "Ensembles" in Mönchengladbach (1985-87), als Mitbegründer und jahrelanger Berater des "ensemble recherche freiburg" und als Initiator und künstlerischer Leiter der Heilbronner Konzertreihe "Perspektiven' wie auch des dortigen Internationalen Klavierfestivals "... antasten..." hat Flammer der Musik unserer Zeit neue Hörerschichten gewonnen. Dieses im weitesten Sinne pädagogische Anliegen hat in Glasperlenspiel für fünf oder zehn Laienspieler mit 25 bzw. 50 klingenden Gläsern. Eine Schulmusik (Uraufführung 1991) seine eindrucksvolle kompositorische Entsprechung. (Vgl. dazu Jürgen Braun: Musik aus denn Bierglas, 5.167 ff., und Ernst Helmuth Flammer: Komponieren im Spagat zwischen ästhetischem Anspruch und Ausführbarkeit (5.176 ff.).
Flammers kompositorisches Schaffen, das bisher rund 70 Werktitel umfaßt, hat im vorliegenden ersten Band seiner Schriften zur Musik eine bemerkenswerte Entsprechung gefunden, auf die Michael Quell in seinem Versuch einer Einführung (S.10 ff.) nachdrücklich hinweist. Flammers Texte sind Positionsbestimmungen eines Querständigen, der schon immer dem Rad in die Speichen gegriffen hat, anstatt sich wohlfeilen und einträglichen Tendenzen anzubequemen. Es sind Texte eines im Sinne von Max Bense vierfach engagierten Komponisten, der den "Ries" als existentielle Kategorie und als ästhetisches Postulat in die Diskussion eingeführt hat, nicht, um ihn provisorisch zu kitten, sondern um den Blick in den Abgrund vollends freizugeben und so ein Umdenken zu erzwingen. Komponieren wird bei Flammen was Leben immer schon war: eine Gratwanderung. Die zu bestehen, gibt es die Kunst, und die zu verstehen helfen uns Texte wie die des vorliegenden Bandes.