Von Philipp Maußhardt
Äußerlich merkte man Herrn Lalli die Aufregung nicht an. Er wirkte ruhig und gefaßt, als er seine kleine Reisetasche aus seinem Fiat Tipo zog, sich den auf einen Kleiderbügel gehängten Mantel über den linken Arm warf und am Haus Gundelsheimerstraße Nummer 68 in Heilbronn klingelte. "Auf daß das Haus voll werde", sagte Frau Käfer etwas verlegen, als sie öffnete. Sie hatte schon gewartet.
Diesmal war es die Stadt Heilbronn, die die baden-württembergischen Literaturtage ausrichten durfte. Marco Lalli ist einer von zwanzig Schriftstellern, die sich aus diesem Anlaß auf ein Experiment eingelassen haben, dessen Versuchsanordnung zwar überschaubar, sein Ausgang jedoch mit Risiken behaftet war. Die Autoren durften nicht im Hotel übernachten, sondern wurden in Privatwohnungen einquartiert, deren Bewohner sie nicht kannten. Und so wußte auch Marco Lalli von Gisela Käfer vorher nur etwa so viel: "Sie ist in der CDU und ihr Mann ein Chefarzt."
Heute wissen beide etwas mehr voneinander. Daß Marco Lalli zum Beispiel zum Frühstück weder Kaffee noch Tee trinkt, sondern am liebsten Kakao; und daß sein Kater zu Hause in Heidelberg Maus heißt, was eigentlich ein Schmunzeln auf dem Gesicht von Wirtin Käfer wert gewesen wäre, jedoch aus Gründen der anfänglichen Verkrampfung unterblieb. Schließlich kommt nicht jeden Tag ein Dichter ins Haus und sagt, daß er Koffein und Tein nicht verträgt, wo doch alles schon so schön gerichtet war und sogar Schokoladenplätzchen auf dem Küchentisch standen.
Ins Wohnzimmer konnte man den Gast aus einem einleuchtenden Grund nicht bitten: Dort standen bereits sieben Biertische, gedeckt mit weißem Geschirr und dazu passenden grünen Servietten. Alles gerichtet für den Abend der Abende: die Lesung aus Lallis Roman am Donnerstag abend. "Wahrscheinlich haben die schon seit Montag eingedeckt", hatte Lalli vermutet, noch bevor er sich auf den Weg zu den Käfers machte.
Die Aufregung in manchen bürgerlichen Wohnzimmern Heilbronns vor dem Eintreffen der Schriftsteller läßt sich besser verstehen, wenn man den Umweg kennt, den Goethe seinerzeit um die Stadt machte, nachdem er sie einmal gesehen hatte ("überall schmutzige Mägde"). Victor Hugo verirrte sich später noch einmal hierher ("Merkwürdige Kleinstadt"), und Schiller stellte fest, "Kunstinteresse findet sich blutwenig". Die nachfolgenden Dichter müssen ähnlich abgeschreckt gewesen sein. Jedenfalls ist der Aufenthalt bedeutender Schreiber in der von Weinreben umstellten Stadt seither nicht weiter aufgefallen. Nicht einmal Kleist ("Käthchen von Heilbronn") hat sich die Stadt wirklich angeschaut. Um so hungriger waren die Bewohner jetzt.
Als im Lokalteil der Heilbronner Stimme nach Gastgebern für die Schriftsteller gesucht wurde, meldeten sich mehr als genug. Darunter auch eine sechsköpfige Familie - er Bürokaufmann, sie Erzieherin -, die fast stolz bekannten. "bislang keinerlei literarisches Interesse gehabt" zu haben.
Auf diese Weise kam auch der ordentliche Professor der inneren Medizin zu seinem "neuen Wilden". Und der Autor Jose F.A. Oliver erzählte der Stuttgarter Zeitung ganz offen von seinen Ängsten vor dem Zusammenprall mit dem gemeinen Leser: Er würde aus tiefer Verwirrung wohl "selbst bei der Frage nach der Toilette in Versen sprechen".
Tat er dann aber doch nicht, sowenig wie Lalli seiner CDU-Stadträtin Käfer abends beim Wein gestand, daß er seit zehn Jahren Mitglied der Grünen ist und davor bei der undogmatischen Linken war. Man mußte ja schließlich wieder gemeinsam frühstücken, und da war ein Gespräch über das richtige Katzenfutter vielleicht angebrachter. Am Abend nach der Ankunft ging Marco Lalli jedenfalls mit seinen Gastgerbern zum benachbarten Weingärtner Martin Heinrich in dessen Besenwirtschaft.
Gegenüber auf der Eckbank saßen zwei Einheimische und tranken Trollinger Weißherbst. Die beiden müßten sich eigentlich gewundert haben, wie Frau Käfer auf Herrn Lalli zeigte und ihn vorstellte: "Das ist unser Dichter, der Herr Lalli." Aber weil man sich in schwäbischen Besenwirtschaften über gar nichts mehr wundert, fragten sie nicht weiter nach. "Unser Dichter, der Herr Lalli", saß jedenfalls, je später der Abend, desto verlorener, in seiner Ecke, weil er dann doch über aktuelle Debatten im Heilbronner Stadtrat wenig Bescheid wußte. Er schien ganz froh, als er gegen Mitternacht nach Hause ins Bett durfte.
Dort, wo er schließlich schlief, schläft sonst nur die Oma auf Besuch. Ein Zimmer neben der Küche mit eigener Dusche. Lalli hatte eine schlechte Nacht. Doktor Käfer sammelt alte Uhren, die dem Dichter den Schlaf raubten. In den kurzen Schlafmomenten zwischen Gong, Klingelingeling und Dingdangdoing träumte er von seiner Exfrau. An Details konnte er sich anderntags nicht mehr entsinnen. Schade, denn es wäre vielleicht aufschlußreich gewesen, da die Traumdeutung zum eigentlichen Berufsfeld von Marco Lalli zählt: Er ist Doktor der Psychologie, arbeitet in der Marktforschung.
Nun hat er seinen ersten Roman geschrieben: "Die Himmelsleiter" (Klöpfer & Meyer Verlag). Frau Käfer, so sagte sie zumindest, hatte ihn vor seiner Ankunft bereits gelesen, ließ sich aber, als sie es sagte, nichts anmerken. Ob mit Gewinn? Allenfalls ihr Vorschlag, am Abend der Lesung erst zu essen und dann vorzulesen, könnte ein Rückschluß darauf sein.
Glücklicherweise hat Familie Käfer ein Wohnzimmer, in das sechzig Menschen passen und in dem dann noch immer viel Platz ist. "Hoffentlich habe ich niemand vergessen", sorgte sich die Hausfrau und ging im Geiste nochmals die Liste der Nachbarn, Kollegen ihres Mannes und die der Fraktionsmitglieder durch.
Lalli hatte sich durchgesetzt und las, bevor das Buffet eröffnet wurde, welches "die gute Frau Schiller" in der Küche angerichtet hatte. Sie hieß wirklich so, traute sich aber trotz ihres Namens nicht ins Wohnzimmer heraus und prüfte, während Lalli las, noch einmal die Salate und die Feuchtigkeit des in Blätterteig gehüllten Schinkenbratens.
Lalli las die ersten beiden Kapitel. "Es zischt, und ein Zucken durchläuft seinen Körper..." Gerade beging Thomas H. Selbstmord, als wieder eine der dreizehn Uhren zu schlagen begann. "Von denen hier", flüsterte der Direktor der Stadtbücherei über den Tisch herüber, "wären höchstens zwei bei einer öffentlichen Lesung dabei". Vielleicht hatte er ja recht und der Spiegel doch unrecht, der so böse geschrieben hatte, in Heilbronn breche sich mit den Sofa-Dichtern die "moderne Event-Welt" eine neue literarische Bahn.
Fast jedes Ehepaar nahm schließlich für 38 Mark einen signierten Roman mit nach Hause. Geschickterweise stehen die pikanten Szenen und die politischen Kontroversen erst in den hinteren Kapiteln. "Schlafen Sie gut", wünschte Frau Käfer ihrem Gast zur guten Nacht und entschuldigte sich, daß das Frühstück schon um halb sieben gerichtet wird. Ihr Mann muß auf Station.
"Macht nichts", murmelte Lalli und schlief in dieser Nacht schon besser.