Von Michaela Haas
Heilbronn, 3. Oktober. - Familie Droste hat um diesen Literaten hart gerungen. "Du ahnst ja gar nicht, wie die Karin um dich gekämpft hat", gesteht der Hausherr dem Dichter zu später Stunde, weit nach Mitternacht, nach ungezählten Flaschen Rotwein. "Wir haben gefragt, ob sie nicht einen schrägen Vogel haben. Da war uns sofort klar, daß du zu uns paßt." Der schräge Vogel nickt erleichtert, er hatte sich alles ja auch viel schlimmer vorgestellt, und gemeinsam malen sie sich aus, was wohl passiert wäre, wenn der Dichter etwa der Familie K. in die Hände gefallen wäre, der mit der Schrankwand und den teuren Teppichen: "Spießig sind die!" Und der Dichter Mattis Manzel ist sich sicher: "Aus der hätte ich den Faschismus herausgebombt."
"Die Leute gehen jetzt kaum noch zu Lesungen", sagt der ehrgeizige Direktor der Stadtbücherei, Günther Emig, "dann kommen die Literaten halt zu den Leuten." Von der Industriestadt Heilbronn aus soll diese Bewegung die Republik erfassen. "Die Literatur muß die bürgerlichen Wohnzimmer durchdringen wie Sauerteig!" ruf der ambitionierte Emig, entschlossen, die schwäbische Literatur dem provinziellen Mief zu entreißen. Und so öffneten bei den Literaturtagen der Stadt Heilbronn 20 Familien ihre Häuser, um für drei Tage einen Schriftsteller zu beherbergen, der sich dann mit einer Lesung verabschieden sollte. Das doppeldeutige Motto: Dichter auf der Couch."
Der Freudsche Therapiegedanke mag dabei durchaus eine Rolle spielen. Der Witz sei, sagt Günther Emig, daß die Dichter "viel mehr Angst vor den Leuten" hätten als die Familien vor den Dichtern.
Ein Kübel neben dem Bett
Was aber treibt eine Heilbronner Arztfamilie wie die Drostes dazu, ausgerechnet einen Menschen in die Dachkammer ihres weißen Hauses einzuladen, der den Helden seines ersten Romans "Peinlich" nannte und dem die Warnung des Veranstalters vorauseilt: "Der ist ein Punk, der läßt sich sowieso gleich am ersten Abend vollaufen. Da muß die Familie einen Kübel neben das Bett stellen." Was bewegt die Lehrerin Susanne EberhardHaule, einen Wildfremden ins Haus zu bitten, per Losentscheid zugewiesen, weil sich zu viele Familien um die Dichter beworben hatten? Und wieso lädt die Verlegerswitwe Doris Distelbarth zu SektOrange aus hohen Kelchen, zu kalten Platten und einem Häppchen Literatur in ihre Villa? "Neugierde" geben sie alle als Motiv an und Begeisterung für Literatur, auch wenn keine Familie zuvor ein Buch "ihres" Autors gelesen hat, weil keine bekannten Schriftsteller dabei sind. "Mir selber gibt die Literatur so viel", sagt Doris Distelbarth, "daß ich was von dem zurückgeben möchte, was ich selbst bekomme."
Keiner konnte ahnen, daß das Schwierigste in dem Unterfangen, einen Literaten zu beherbergen, erst einmal der Versuch sein würde, der Literaten habhaft zu werden. Drei Tage, so war abgemacht, sollte jeder Schriftsteller bei den Familien wohnen. "Und das muß der auch, dafür wird der bezahlt, sonst kriegt der seine 1000 Mark Honorar nicht", droht Günther Emig angesichts des Plans eines Autors, die Hälfte des Honorars einem Schauspieler zu geben, der für ihn den Hausgast spielen soll. Doch der eine Schriftsteller, Wolfgang Hegewald, hat gerade einen Ruf als Professor an die Universität Hamburg bekommen und deshalb zur Enttäuschung der Gastgeberin Distelbarth "schon von vornherein angekündigt, er bleibt nur einen Abend". Der zweite, der Heidelberger Stadtdichter Michael Buselmeier, spricht von dringenden Verpflichtungen und verabschiedet sich nach der zweiten Nacht. Und der dritte, Mattis Manzel aus Berlin, 36 Jahre alt, macht keinen großen Hehl daraus, daß er das Ganze vor allem der Kohle halber mache und nicht so scharf darauf sei, bei so einer Familie auf der Couch zu sitzen.
Nach einem spätabendlichen Auftritt mit seiner HipHopBand "Peinlich! Mattis Manzel & der Pulk" will er eigentlich, obwohl es schon auf Mitternacht zugeht und er das Haus seiner Gastgeber noch nicht betreten hat, gleich seine Gitarre packen und Richtung Stuttgart verschwinden, in die Stipendiatenschmiede Schloß Solitude. Auf der Bühne war er nicht ganz anwesend, fiel es ihm schwer, den Text vom Blatt zu lesen, und seine beiden Kompagnons an Gitarre und Schlagzeug spielten selten mit ihm im Takt. Echt peinlich, eben. Familie Droste harrt aus, obwohl der Rest des Publikums längst geflüchtet ist. Kaum ist der letzte schiefe Ton verklungen, klettert der Gastgeber hinter die Bühne, wo es ziemlich süßlich riecht, entschlossen, den Gast wider Willen mit Herzlichkeit zu besiegen.
Rainer Droste lockt und schmeichelt, zu guter Letzt bietet er seinen gutgefüllten Weinkeller auf, 600 Flaschen, und obendrein habe er 1,8 Kilo frischen norwegischen Lachs, den er jetzt, kurz nach Mitternacht, noch gerne zubereite. Mattis habe doch sicher nichts Warmes gegessen. Auf daß der Literat seine Kumpel einpackt, die sich mit glasigen Augen und leicht erweiterten Pupillen verdutzt und sprachlos vor dem heimeligen Kachelofen im Wohnzimmer der Drostes wiederfinden. Der Gastgeber wirft den Lachs gegen halb zwei Uhr morgens in die KapernSahneSoße, öffnet erst Wein, dann Bier, dann den Gewürztraminer und den Selleriebrand, und die beiden schweigsamen Punkmusiker betrinken sich vor ihrer frühmorgendlichen Abfahrt fast wortlos bis an den Rand der Fahrtüchtigkeit und seien "für ihre Verhältnisse total aufgetaut", sagt Manzel. "Muß man befürchten, sich jetzt in deinem nächsten Buch wiederzufinden, als Peinlichkeit vielleicht?" will Rainer Droste wissen, aber das muß er natürlich nicht, nur in der Zeitung findet er sich wieder als der herzlichste Gastgeber Deutschlands, weil er das Wagnis einging, nicht nur den Dichter, sondern auch die Journalistin für einige Tage auf die Couch einzuladen. Und Mattis Manzel bezieht sein Dachstübchen mit Blick über halb Heilbronn, erleichtert, "nicht gerade bei der spießigsten Familie in Heilbronn" gelandet zu sein.
Rainer und Karin Droste haben ein offenes Haus. Der große Eßtisch bietet Platz für zwölf Personen. Zuletzt war eine Band aus Kirgisien zu Gast, eine Urlaubsbekanntschaft, die sollte nur ein paar Tage zu Besuch kommen und blieb dann drei Monate. "Wir haben unser normales bürgerliches Leben", sagt der Internist Droste, "und das lernt man ganz gerne jemand kennen, der ganz anders ist." Rainer Droste erinnert sich gut, daß seine Großeltern oft zu Lesungen oder Hausmusik bei Industriellenfamilien gingen. Diese Tradition des literarischen Salons wollen die Heilbronner neu beleben.
Doris Distelbarth, die Verlegerswitwe und studierte Sprachwissenschaftlerin, bittet dazu einen handverlesenen Kreis in ihr Wohnzimmer. Beiden steht vor Nervosität der Schweiß auf der Stirn, dem Dichter wie der Gastgeberin, als der Schriftsteller Wolfgang Hegewald auf der braunen Ledergarnitur Platz nimmt. Hegewald kennt private Zirkel, so sagt er, "nur aus meinem ersten Leben, in der DDR, aber da hatte das natürlich einen anderen Hintergrund". In der kleinen intimen Runde entsteht eine sehr gelehrte Diskussion darüber, "daß Probleme personifiziert werden und die Personen dann ihre Identität verlieren", eine ersthaft geführte Auseinandersetzung mit Fragen, die den Literaten zuweilen in Verlegenheit bringen: "Wie kommt ein Schriftsteller zu solchen Wortschöpfungen? Ist das das Genie in Ihnen?" "Die Frage ist, ähem, schwierig zu beantworten."
Bei Eberhard Haules hingegen sitzt man am Sonntagmorgen auf Bierbänken und lauscht mit nüchternem Magen dem Heidelberger Stadtdichter Buselmeier, der von abgehackten Hühnerköpfen und dem "bestialisch süßen Verwesungsgestank" diverser Leichen erzählt auch für die Gastgeberin "harte Kost", um diese Tageszeit. Susanne EberhardHaule beteuert, sie finde es trotzdem "unheimlich schön".
Das Ereignis ist ohnehin weniger die Literatur als vielmehr die Umgebung, in der sie verlesen wird. Da wird erst einmal begutachtet, von neidisch ("So ein großes Wohnzimmer muß man erst mal haben") bis anerkennend ("Ach, schön haben Sie's hier. Haben Sie die Vorhänge selber genäht?"). Die Neugierde treibt mehr Menschen in die fremden Wohnzimmer als sonst zu Dichterlesungen. Zuletzt, sagt etwa Mattis Manzel, habe er "vor einer einzigen Italienerin" gelesen und er blickt stolz und ein wenig aufgeregt in das Drostesche Wohnzimmer voller Menschen.
Richtung Unsterblichkeit
Erwartungsgemäß liest Mattis Manzel dann kunstvoll gedrechselte Texte aus seinem Debütroman "Peinlich" übers "Vögeln" und den richtigen Umgang mit Präservativen und berichtet vom Leben in der Vagina aus der Sicht der Trichomonaden. Einige der mehr als 40 Zuhörer wissen nicht recht, ob sie das jetzt vielleicht peinlich finden sollen, aber Manzel beruhigt die Zuhörer, sie müßten sich im Anschluß an seine Lesung nicht mit Interpretationen überschlagen: "Man kann versuchen, 'Peinlich' inhaltlich festzumachen, man kann es auch lassen."
Eigentlich habe er sich mit dem Roman "jetzt mal so richtig in die Unsterblichkeit einfingern" wollen, aber das hat trotz diverser Preise und Stipendien noch nicht so richtig geklappt. Das Buch sei "eine eher chaotische Angelegenheit, etwas nebulös". Die ersten fangen an, leise zu kichern, sie schenken sich Rotwein aus Karaffen nach, streichen ihre Brote im Kerzenschein mit Lachsbutter und finden, so sagt eine junge Studentin, das sei "die schönste Dichterlesung, auf der ich je war". Auch die Kinder der Drostes, sechs und acht Jahre alt, finden es "ganz interessant", was der Hausgast da zum besten gibt. Der langhaarige Dichter setzt sich anschließend strahlend vor Begeisterung über die geglückte Lesung an den großen Eßtisch, erzählt, wie er auf die Idee zu "Peinlich" kam ("Ich dachte, ein Debütroman ist meistens peinlich, dann kann ich ihn auch gleich so nennen"), und alle sind sich einig, das jetzt öfter machen zu wollen. Das Motto aber wird noch ein wenig geändert von "Dichter auf der Couch" in "Dichter im Wartezimmer", schließlich ist der Hausherr Arzt. "Mattis, du setzt dich in meiner Praxis ins Wartezimmer, und da liest du, bis es leer ist."