Die Heilbronner verkraften rätselhafte Poeten und deren Werke sogar in ihren Wohnstuben / von Wieland Schmid
Als studierte Sprachwissenschaftlerin fand es die Hausherrin Doris D. schlichtweg "faszinierend, daß Probleme personifiziert werden und die Personen dann ihre Identität verlieren". Der Lehrerin Susanne E. hat es ausnehmend "gut gefallen", daß sich in ihrer Wohnstube stundenlang fremde Leute drängelten und andächtig entsetzlichen Geschichten über erhängte Kinder und Güterwagen voller sterbender Schlachthühner lauschten. Und dem erfolgreichen Unternehmer Robert E. hat es endlich mal wieder eine richtige "Gänsehaut" beschert, als ihm sozusagen hautnah der Wassertod eines widerspenstigen Buben vor den Augen seiner gleichgültigen Mutter geschildert wurde. Wenn auch viele Heilbronner im Moment nicht mehr so genau wissen, ob sie sich grausen oder freuen sollen, so können sie sich doch als wagemutige Wegbereiter fühlen: Als Gastgeber der 13. Baden-Württembergischen Literaturtage haben die Unterländer der bundesdeutschen Literatenszene schon jetzt neuen Gesprächsstoff verschafft.
Seit Samstag jedenfalls keimt zumindest unter Heilbronns Bildungsbürgern eine Aufbruchstimmung ungewohnter Art. Ausgerechnet die Industriestadt Heilbronn, die der Stuttgarter Schriftsteller Rainer Wochele ungeniert und unwidersprochen als weißen Fleck auf der süddeutschen Literatur-Landkarte bezeichnet, ist zu Großem auserkoren worden: Von hier aus soll, wenn alles klappt, die untergegangene Tradition der literarischen Salons wiederbelebt werden. Lesungen, Autorenzirkel und Poetenhappenings hat es schon anderswo gegeben - aber mit der Aktion "Dichter auf der Couch" stehen die Unterländer zur eigenen Verblüffung plötzlich voll im Rampenlicht des Literaturzirkus.
Noch bangen der Reutlinger Kulturmanager Peter Reifsteck und der einheimische Büchereidirektor Günther Emig als verantwortliche Organisatoren ein bißchen um ihr 200 000 Mark teures Geisteskind, das der "Spiegel" leicht spöttisch einen "beherzten Einstieg in die moderne Event-Welt" nannte. Dabei geht es weniger darum, daß eine halbe Hundertschaft "kapriziöser Typen" (Emig) in Heilbronn eingefallen ist, um eine staunende Bürgerschaft in ungewohnte Gedankentiefen einsinken zu lassen. Schräge Vögel, Besessene, Besinnliche und wütende Wortakrobaten haben schließlich auch schon andere Städte bei ihren Literaturtagen wochenlang verkraftet. Die Frage freilich, ob ausgerechnet die spröden Heilbronner das unberechenbare Poetenvolk bis in ihre Wohnzimmer vordringen lassen, war bis vor wenigen Tagen unbeantwortet.
Mittlerweile gibt es keinen Zweifel mehr: Wenigstens im schwäbischen Unterland steht der massenhaften Neugründung privater literarischer Salons womöglich sogar mit eigenen Hausdichtern nichts mehr im Wege. Zwanzig gutbürgerliche Familien haben sich ohne viel Federlesens auf das Experiment eingelassen, tagelang mit einem oder einer wildfremden Intellektuellen unter dem eigenen Dach zu hausen und unter keinen Umständen pingelig zu werden. Damit zeichnet sich schon ab, daß Büchereidirektor Günther Emig hinterher nicht um seinen Kopf fürchten muß, den er noch vor kurzem "tief in der Schlinge hängend" wähnte.
Auch wenn fast sämtliche Untermieter immer wieder beteuern, sie seien keine guten Vorleser und hätten sowieso keine greifbare Botschaft, haben die Heilbronner bis heute gute Nehmerqualitäten bewiesen. Dabei haben es nicht alle Gastgeber so leicht wie die Philologin Doris D. mit Wolfgang Hegewald, den das deutsch-deutsche Problem in all seinen Büchern verfolgt. Dem zwanzigköpfigen Freundeskreis aus Akademikern fiel es nicht allzu schwer, dem ehemaligen Tübinger Professor bei seinen wortreichen Ausflügen in die Psyche von Stasi-Agenten und deren Opfern zu folgen und ihm hinterher artig zu bescheinigen, daß ihm "schon sehr am Adjektiv" liege. Da hatten es die abenteuerlustige Lehrerin Susanne E. und ihre vierzig Gäste schon schwerer, einen wie den Heidelberger Literaten Michael Buselmeier zu begreifen, dem die eigenen frühkindlichen Neurosen eine unerschöpfliche Quelle der Inspiration bleiben. Trotzdem wich niemand am hellichten Sonntag vormittag während mehrstündiger Schilderungen verwesender Leichen und ersäufter Tiere, von "bestialisch süßem Verwesungsgestank" und dem "sanften Patschen der Pfoten im Urin". Und der handverlesene Freundeskreis des Managers Robert E. nickte durchaus wissend, wenn die Lyrikerin Ruth Schweikert mit noch unveröffentlichten Manuskripten abgründige Beziehungen gnadenlos auf den Punkt brachte ("Früher tranken sie jeden Abend zusammen eine Flasche Wein, jetzt hatten sie eine fünf Monate alte Tochter").
Daß die Heilbronner gern zur Dichterlesung in ihr Salzbergwerk einfahren oder mit Fred Breinersdorfer zu nächtlicher Krimistunde durch den Hafen schippern würden, war zu erwarten gewesen. Aber selbst der deutsch-spanische Autor José F.A. Oliver hatte nicht geglaubt, daß er so schnell "die Angst des Dichters vor dem Normalbürger" verlieren könnte. Die Befürchtung, daß er in der Verwirrung "selbst bei der Frage nach der Toilette in Versen sprechen" würde, hat der Heilbronn-Neuling schnell verloren. Sogar die kategorische Forderung, zu den Dichterworten auf der Couch dürfte nicht gevespert werden, haben ihm die Heilbronner ohne Murren erfüllt. Daß der Kulturbürgermeister bei der Eröffnungsfeier nur die Macher und Organisatoren begrüßt und die geladenen Autoren schlicht vergessen hatte, konnte Oliver unter diesen Umständen verzeihen: es sei wirklich eine "großartige Idee", die literarischen Salons neu zu beleben, befand der renommierte Literat hinterher.
Seither ist der Puls des besorgten Büchereidirektors Emig wieder etwas ruhiger geworden. Viele der insgesamt neunzig Veranstaltungen bis kommenden Sonntag sind schon ausgebucht, obwohl die Hälfte der Autoren unbekannte Talente sind. "Mein Gott, läuft das super", hat der Büchereidirektor gestern begeistert erste Bilanz gezogen, obwohl er gelegentlich noch eigenhändig bei öffentlichen Veranstaltungen Toilettenpapier besorgen und Transparente aufhängen muß. Und weil "die Heilbronner richtig begeistert sind und überall hinrennen", ist ihre Stadt womöglich in Zukunft doch kein weißer Schandfleck mehr auf der baden-württembergischen Literaturkarte. Jeden Monat einen anderen Autoren zu Gast, drei Tage lang bei einer Familie - das kann sich jetzt schon mancher besser vorstellen. Günther Emig jedenfalls träumt schon von einer Literaturzeitung für Heilbronn, wenn sich das mit den Literaturtagen weiter so gut anläßt. Zwei bis drei Dutzend ausgewiesene Lyrikinteressenten hat die Stadtbücherei immerhin schon unter ihren 20 000 Lesern.