Um 2 Uhr.
Von Sinzheim ab. Draußen links liegt ein ansehnliches Kloster; eine alte schöne Pappelallee begleitet die Straße. Vorwärts und weiter rechts sieht man an einem schönen Wiesengrund Rohrbach und Steinfurth liegen, durch welche man nachher durchkommt. Die Pappeln dauern fort; wo sie auf der Höhe aufhören, fangen Kirschbäume an, die aber traurig stehen. Der Feldbau ist auf den Höhen und den sanften Gründen wie bisher, der Weg steigt sanft aufwärts. Die Kirschbäume zeigen sich schöner gewachsen. Flötzkalk in schmalen horizontalen, sehr zerklüfteten Schichten. Über der Höhe gehen die Pappeln wieder an. Kirchhart. Der Weg geht wieder auf und absteigend. Der horizontale Kalk dauert fort. Gerade Chausseen und schöner Fruchtbau bis Führfelden. Geringer Landort. Weiter dauern die Fruchtbäume fort. Auf dieser ganzen Fahrt sieht man wenig oder gar kein Wasser. Man erblickt nun die Berge des Neckarthals. Kirchhausen liegt zwischen anmuthigen Garten und Baumanlagen; dahinter ist eine schöne Aussicht nach den Gebirgen des Neckars; man kommt durch ein artiges Wäldchen und durch eine Pappelallee bis Frankenbach. Die Kieshügel an der Chaussee erleichtern sehr die Erhaltung derselben. Schöne Pappelallee bis Heilbronn, die hie und da wahrscheinlich vom Fuhrwerk im Kriege gelitten hat und deren baldige Rekrutirung nach dem Frieden jeder Reisende zum Vergnügen seiner Nachfolger wünschen muß. Überhaupt sind von Heidelberg hierher die Chausseen meist mit mehr oder weniger Sorgfalt gebessert.
Heilbronn den 27. Aug. 97.
Abends um 6 Uhr angekommen. In der Sonne abgestiegen. Ein schöner Gasthof und bequem, wenn er fertig seyn wird. Man ist stark im Bauen begriffen.
D. 28. Aug.
Wenn man sich einen günstigen Begriff von Heilbronn machen will, so muß man um die Stadt gehen. Die Mauern und Gräben sind ein wichtiges Denkmal der vorigen Zeit. Die Gräben sind sehr tief und fast bis herauf gemauert, die Mauern hoch und aus Quaderstücken gut gefugt und in den neuern Zeiten genau verstrichen. Die Steine waren als Rustika gehauen, doch jetzt sind die Vorsprünge meistens verwittert. Das geringe Bedürfniß der alten Defension kann man hier recht sehen. Hier ist blos auf Tiefe und Höhe gerechnet, die freylich kein Mensch leicht übersteigen wird; aber die Mauer geht in geraden Linien und die Thürme springen nicht einmal vor, so daß kein Theil der Mauer von der Seite vertheidigt ist. Man sieht recht, daß man das Sturmlaufen bey Anlage dieses großen Werks für unmöglich gehalten hat, denn jede Schießscharte vertheidigt eigentlich gerade aus nur sich selbst. Die Thürme sind viereckt und hoch, unten an der Mauer her geht ein gleichfalls gemauerter bedeckter Weg. Die Thürme an den Thoren springen vor, und es sind daselbst die nöthigen Außenwerke angebracht; nirgends ist ein Versuch einer Befestigung nach neuer Art sichtbar. Unterhalb des bedeckten Wegs und an dessen Stelle sind an einigen Orten Baumschulen und andere Pflanzungen angelegt.
Eine schöne Allee führt um den größten Theil des Grabens. Sie besteht aus Linden und Kastanien, die als Gewölbe gehauen und gezogen sind; die Gärten stoßen gleich daran in größern und kleinern Besitzungen.
Die Stadt ist ihrer glücklichen Lage, ihrer schönen und
fruchtbaren Gegend nach auf Garten, Frucht und Weinbau gegründet, und
man sieht wie sie zu einer gewissen Zeit der Unruhe sich entschließen
mußte, alle sämmtlichen Bewohner, sowohl die Gewerbetreibenden
als Ackerbauenden, in ihre Mauern einzuschließen. Da sie ziemlich
auf der Pläne liegt, sind ihre Straßen nicht ängstlich, aber meist alt
mit Überhängen, Giebeln, auf die Straße gehenden großen hölzernen
Rinnen, die das Wasser über die Seitenwege, welche an den Häusern
her meistens erhöht gepflastert sind, hinweg führen. Die Hauptstraßen
sind meistens rein; aber die kleinern, besonders nach den Mauern zu,
scheinen hauptsächlich von Gärtnern und Ackerleuten bewohnt zu
seyn. Die Straße dient jedem kleinen Hausbesitzer zum Misthof; Ställe
und Scheunen, alles ist dort, jedoch nur klein und von jedem einzeln
Besitzer zusammen gedrungen. Ein einziges großes steinernes
Gebäude bemerkt ich zu Aufbewahrung der Frucht, das einen reichen
Besitzer ankündigte. Man bemerkt nicht wie an andern Orten
verschiedene Epochen der Bauart, besonders keine Ämulation, die solche
Epochen mit sich führen. Ein einziges Gebäude zeichnet sich aus, das durch
die Bildsäule des Äskulaps und durch die Basreliefs von zwey
Einhörnern sich als Apotheke ankündigt. Noch einige neue steinerne aber
ganz schlichte Häuser finden sich auch; das übrige ist alles auf alten
Schlag, nur wird sich das Gasthaus zur Sonne durch einen Sprung, wenn
es fertig ist, auszeichnen. Es ist ganz von Stein und in gutem, wenn
schon nicht im besten Geschmack, ohngefähr wie das Sarrasinische auf
dem Kornmarkt zu Frankfurth. Das Untergeschoß hat recht
wohnbare Mezzaninen, darüber folgen noch zwey Geschosse. Die innere
Einrichtung, so weit sie fertig ist, ist geschmackvoll, mit französischem
Papier sehr artig ausgeziert.
Was öffentliche Gemeinde Anstalten betrift, so scheint man in einer sehr frühen Zeit mit Mäßigkeit darauf bedacht gewesen zu seyn. Die alten Kirchen sind nicht groß, von außen einfach und ohne Zierrath, der Markt mäßig, das Rathhaus nicht groß, aber schicklich. Die Fleischbänke, ein uraltes, ringsum frey auf Säulen stehendes, mit einer hölzernen Decke bedecktes Gebäude, sie sind wenigstens viel löblicher als die Frankfurther, scheinen aber für die gegenwärtige Zeit zu klein oder aus sonst einer Ursache verlassen. Ich fand wenig Fleischer darinn; hingegen haben die Metzger an ihren in der Stadt zerstreuten Häusern ihre Waare aufgelegt und ausgehängt; ein böser und unreinlicher Mißbrauch. Das weiße Brot ist hier sehr schön. Manns und Frauenspersonen gehen ordentlich, aber nicht sehr modisch gekleidet. Keine Beschreibung noch Plan von Heilbronn konnte ich erhalten.
Was ich aus dem Erzählten und andern Symptomen durch das bloße Anschauen schließen kann, ist, daß die Stadt durch den Grund und Boden, den sie besitzt, mehr als durch etwas anders wohlhabend ist; daß die Glücksgüter ziemlich gleich ausgetheilt sind; daß jeder still in seinem einzelnen vor sich hinlebt, ohne gerade viel auf seine Umgebungen und aufs Äußere verwenden zu wollen; daß die Stadt übrigens eine gute Gewerbsnahrung, aber keinen ansehnlichen Handel hat; daß sie auf gemeine bürgerliche Gleichheit fundirt ist; daß weder Geistlichkeit noch Edelleute in frühern Zeiten großen Fuß in der Stadt hatten; daß das öffentliche Wesen in frühern Zeiten reich und mächtig war, und daß es bis jetzt noch an einer guten mäßigen Verwaltung nicht fehlen mag. Daß der neuerbaute Gasthof auf einmal über alle Stufen der Architectur wegsprang, mag ein Zeugniß seyn, wie viel diese Bürgerklasse in diesen Zeiten gewonnen hat.
Die Menschen sind durchaus höflich und zeigen in ihrem Betragen eine gute natürliche stille bürgerliche Denkart. Es werden keine Juden hier gelitten.
Der Neckar ist oberhalb und unterhalb der Stadt zum Behufe verschiedener Mühlen durch Wehre gedämmt; die Schiffahrt von unten herauf geht also nur bis hierher, wo ausgeladen werden muß; man lädt oberhalb wieder ein und kann bis Kannstadt fahren. Diese Schiffe tragen bey hohem Wasser ohngefähr 800 Centner, auch wird hier viel ausgeladen und weiter ins Land hinein zur Axe transportirt.
Vor dem Thor steht ein großes Gebäude, das ehemals ein Waisenhaus war; die Waisen sind aber gegenwärtig nach den bekannten Beyspielen auf Dörfer vertheilt.
Das Wirthshausgebäude ist von einem Zweybrücker Baumeister, der sich in Paris aufgehalten, gebaut, und von ihm sowohl das Ganze als das Einzelne angegeben. Daß die Handwerker ihn nicht völlig secundirten, sieht man am Einzelnen.
An den Fensterscheiben fand ich eine Sonderbarkeit. Es sind länglich viereckte Tafeln, die in der Quere stehen und unten eingebogen sind, so daß man von dem Fenster und dem Rahmen etwas abnehmen mußte. Der Hausherr sagte mir nur, daß der Glaser sich nach den Tafeln habe richten müssen; er glaubt, daß sie sich, wenn sie noch biegsam sind, so werfen. Ich kann auch nichts zweckmäßiges darinn finden. Übrigens ist es Lohrer Glas.
An der Wirthstafel speiste außer der Hausfamilie noch der Oberamtmann von Mekmühl und seine Frauenzimmer.
Die Mägde sind meist schöne stark und feingebildete Mädchen und geben einen Begriff von der Bildung des Landvolks; sie gehen aber meistentheils schmutzig, weil sie mit zu dem Feldbau der Familien gebraucht werden.
Den 28ten.
Abends um 6 Uhr fuhr ich mit dem Bruder des Wirthes auf den Wartberg. Es ist, weil Heilbronn in der Tiefe liegt, eigentlich die Warte und anstatt eines Hauptthurms für dasselbe. Die eigentliche Einrichtung oben aber ist eine Glocke, wodurch den Ackerleuten und besonders Weingärtnern ihre Feyerstunde angekündigt wird. Er liegt ohngefähr eine halbe Stunde von der Stadt auf einer mit buschigem Holz oben bewachsenen Höhe, an deren Fuß Weinberge sich hinunterziehen. Vorwärts des Thurms ist ein artiges Gebäude mit einem großen Saale und einigen Nebenzimmern, wo die Woche einige mal getanzt wird. Wir fanden eben die Sonne als eine blutrothe Scheibe in einem wahren Sirokoduft rechts von Wimpfen untergehen. Der Neckar schlängelt sich sanft durch die Gegend, die von beyden Seiten des Flusses sanft aufsteigt. Heilbronn liegt am Flusse und das Erdreich erhöht sich nach und nach bis gegen die Hügel in Norden und NordOsten. Alles was man übersieht ist fruchtbar; das nächste sind Weinberge, und die Stadt selbst liegt in einer großen grünen Masse von Gärten. Es giebt den Anblick von einem ruhigen breiten hinreichenden Genuß. Es sollen 12000 Morgen Weinberge um die Stadt liegen; die Gärten sind sehr theuer, so daß wohl 1500 Gulden für einen Morgen gegeben werden.
Ich hatte sehr schönes Vieh gesehen und fragte darnach. Man sagte mir, daß vor dem Krieg 3000 Stück Rindvieh in der Stadt gewesen, die man aber aus Sorge vor der Viehseuche nach und nach abgeschafft und erst wieder beyschaffe werden; eine Kuh könne immer 12 bis 18 Karolin kosten und werth seyn. Viele halten sie auf Stallfütterung; geringe Leute haben Gelegenheit sie auf die Weide zu schicken, wozu die Gemeinde schöne Wiesen besitzt.
Ich fragte nach dem Bauwesen. Der Stadtrath hat es vor dem Krieg sehr zu befördern gesucht; besonders wird der Burgemeister gerühmt, der schöne Kenntnisse besessen und sich dieses Theils sehr angenommen. Vor dem Kriege hat man von Seiten der Stadt demjenigen, der nach Vorschrift von Stein baute, die Steine umsonst angefahren und ihm leichtverzinslichen Vorschuß gegeben. Was diese Vorsorge gefruchtet und warum sich die Baulust nicht mehr als es von Anfang den Fremden scheint, ausgebreitet, verdient einer nähern Untersuchung.
Die Obrigkeit besteht aus lauter Protestanten und Studirten. Sie scheint sehr gut zu haushalten, denn sie hat die bisherigen Kriegslasten ohne Aufborgung oder neue Auflagen bestritten. Einer Contribution der Franzosen ist sie glücklich entgangen. Sie war auf 140000 Gulden angesetzt, die auch schon parat lagen. Jetzt werden alle Vorspanne, welche die Österreicher verlangen, aus dem Ärario bezahlt und die Bürger verdienen dabey. Das beste Zeichen einer guten Wirthschaft ist, daß die Stadt fortfährt Grundstücke zu kaufen, besonders von fremden Besitzern in der Nachbarschaft. Hätten die Reichsstädte in früherer Zeit diesen großen Grundsatz von den Klöstern gelernt, so hätten sie sich noch sehr erweitern und zum Theil manchen Verdruß ersparen können, wenn sie fremde Besitzer mitunter in ihr Territorium einkaufen ließen.
Die Stadt hat eine Schneidemühle mit dem Rechte, allein Bauholz und Breter zu verkaufen. Diese Befugnisse sind auf 30 Jahre verpachtet. Der Einwohner kann zwar von einem vorbeyfahrenden Flößer auch kaufen, muß aber den Monopolisten einen Batzen vom Gulden abgeben, so wie der Flößer ihm auch eine Abgabe zahlen muß. Da nun der Pachter, indem er Holz im Großen kauft und selbst flößt, das Holz so wohlfeil als der Flößer geben kann, so kann er sich einen guten Vortheil machen. Dagegen wird er, wenn er es zu hoch treiben wollte, wieder durch die Concurrenz des Flößers balancirt. Unter diesen Umständen scheint also nicht, wie ich anfangs glaubte, diese Art von bedingtem Alleinhandel dem Bauen hinderlich zu seyn.
Was die Abgaben betrifft, so sollen die Grundstücke sehr gering, das baare Vermögen hingegen und die Capitalien hoch belegt seyn. Es giebt hier große und wohlgebildete Mädchen. Die Mägde sehen größtentheils schmutzig aus, weil sie mit zur Feld und Stallarbeit gebraucht werden.
Oben bey Erzählung von der Warte habe ich einer artigen alten Einrichtung zu erwähnen vergessen. Oben auf dem Thurm steht ein hohler, mit Kupferblech beschlagner, großer Knopf, der zwölf bis sechzehn Personen zur Noth fassen könnte. Diesen konnte man ehemals mannshoch in die Höhe winden und eben so wieder unmittelbar auf das Dach herablassen. So lang der Knopf in der Höhe stand, mußten die Arbeiter ihr Tagewerk verrichten; sobald er niedergelassen ward, war Mittags Ruhe oder Feyerabend. Seiner Größe nach konnte man ihn überall erkennen, und dieses dauernde sichtbare Zeichen ist sichrer als das Zeichen der Glocke, das doch verhört werden kann. Schade daß dieses Denkmal alter Sinnlichkeit außer Gebrauch gekommen ist.
In dem Hinfahren sah ich auch Weinsberg liegen, nach dem man wohl, wie Bürger thut, fragen muß, da es sehr zwischen Hügel hineingedrückt ist, am Fuße des Berges, auf dem das, durch Frauentreue berühmte, jetzt zerstörte Schloß gelegen ist, dessen Ruinen ich denn auch, wie billig ist, begrüßt habe. Auch hier ist man mit der Erndte sehr zufrieden, sie kam, wie überall, sehr lebhaft hinter einander, so daß die Sommerfrüchte mit den Winterfrüchten zugleich reif wurden. Der Feldbau ist auch hier in 3 Jahresabtheilungen eingetheilt, obgleich kein Feld Brache liegt, sondern ihr drittes ist das Haferfeld; so wirds im Ganzen gebaut, ob gleich jeder noch außerdem, in so fern er es mit der Düngung zwingen kann, seinen Boden in der Zwischenzeit benutzt wie z.B. mit Sommerrüben.
Ludwigsburg, den 29. Aug. 97.
Von Heilbronn gegen 5 Uhr, vor Sonnen Aufgang fort. Man kommt erst durch schöne Gärtnerey, verläßt dann die Allee und kommt auf die alte Ludwigsburger Straße. Nebel bezeichneten den Gang des Neckars. Bockingen lag rechts im Nebel des Neckarthals, links Feldbau auf der Fläche. Man kommt durch Sontheim, das deutschherrisch ist. Bis Ludwigsburg ist Ebene und eine immer abwechselnde Fruchtbarkeit, bald Wein bald Feldbau. Man fährt quer durch den obern Theil eines artigen Wiesenthals, in und an dem weiter unten Schloß und Dorf Thalen liegt. Man findet den horizontalen Kalkstein wieder.
Text nach der Sophienausgabe, an der Handschrift überprüft