2. Gipfel der Poeten

Justinus Kerner, Ludwig Pfau & die 1848er Revolution

Idee, Text und Koordination: Uwe Jacobi
Beim "Heilbronner Gipfel der Poeten" treten historische Gestalten mit Kernsätzen aus ihrem Leben und Wirken auf. Das Datum wird bestimmt durch Goethes Geburtstag am 28. August. Nach der Premiere '97 mit Goethe und Schiller trafen sich 1998 der Weinsberger Poet und Arzt Justinus Kerner und der Schriftsteller und radikale Revolutionär Ludwig Pfau. Den Hintergrund bildete die 1848er Revolution. Umrahmt wurde das Theaterspektakel von einer Stadtführerin und einem Stadtschreiber, einem Revolutionschor und dem "Vaterländischen Verein patriotisch gesinnter Jungfrauen zur Herstellung von scharfer Munition".
Prolog

Stadtschreiber: Bürgerinnen, Bürger! Heilbronner! Gäste! Hört uns an! Zum Jahrestag des Geburtstages von Goethe und seines Besuchs in unserer Stadt haben wir heute zum Gipfel der Poeten gebeten.

Stadtführerin: Heilbronn ist eine Stadt mit großer Vergangenheit. Zwischen Neckar und Wartberg spiegelt sich wie unter einem Brennglas die Geschichte unseres deutschen Heimatlandes.

Stadtschreiber: Krieg und Frieden, Arbeiter und Millionäre, Duckmäuser, Revolutionäre, Träumer, Betrüger und Macher, Alltag, Blüte, Untergang, Auferstehung! All das hat diese Stadt erlebt.

Stadtführerin: Die Stadt, in der wir heute leben, wurde auf den Trümmern des 2. Weltkrieges gebaut. Die Kilianskirche und ihr stolzer Turm erinnern an die Reichsstadt. Der Komödiantenbrunnen, vor dem wir stehen, ist das Merkzeichen einer modernen Kulturstadt.

Stadtschreiber: Mit dem Gipfel der Poeten wollen wir daran erinnern, daß es fast nichts gibt, was es in Heilbronn nicht schon einmal gegeben hat. Hier auf dem Kiliansplatz kreuzten sich einst die Straßenbahnen. Dort drüben auf der Kaiserstraße soll demnächst die Stadtbahn fahren.

Stadtführerin: Der geschichtliche Hintergrund für unseren Gipfel der Poeten ist die 1848er Revolution, die vor 150 Jahren die Weichen für unsere heutige Demokratie gestellt hat. Vorausgegangen war die französische Revolution 1789.

Happenbacher Rebläus (singen); Marseillaise

Vormärz

Ludwig Pfau: Liberté, egalité, fraternité! Vive la republique!

Stadtschreiber: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit! Es lebe die Revolution!

Stadtführerin: Wohlstand und Bildung für alle! Und nicht nur Kartoffeln zum Essen!

Ludwig Pfau: Deutschland schreit nach Pressefreiheit!

Stadtschreiber: Wir fordern Versammlungsfreiheit! Gleiches Wahlrecht für alle!

Stadtführerin: Schluß mit der Kleinstaaterei! Das ganze Deutschland soll es sein!

Ludwig Pfau: Nieder mit der Obrigkeit! Es lebe die Revolution!

Justinus Kerner: Vorsicht! Vorsicht! Heilbronner, Heilbronnerinnen! Hört mich an! Auch ich bin für die Demokratie. Aber ohne König geht es nicht! Es lebe der König!

Ludwig Pfau: Es tut mir leid, hochverehrter Justinus Kerner! Sie sind ein Reaktionär. Die Könige bieten heute ein Bild geistigen Bankrotts ... Die Fürsten gehören auf die Müllhalde der Geschichte. Wer das nicht erkennt, der ist ein Reaktionär.

Justinus Kerner: Weis' ich eine arme Mücke, die das Feuer noch nicht kennt, von dem Feuer lind zurücke, eh' den Flügel sie verbrennt, ruft der Ludwig Pfau mit barschem Ton: Reaktion! Reaktion!

Ludwig Pfau: Als Jüngling habe ich den Dichter in Ihnen verehrt, Justinus Kerner. Heute geht es um die Sache des Volkes. Da stehen Könige und Monarchisten dem Fortschritt im Wege.

Justinus Kerner: Sie sind ungerecht, zu ungestüm, Ludwig Pfau! Demokratie ist auch für mich das höchste Gut. Aber nur auf dem Boden der alten Werte. Wer die Grundordnung infrage stellt, der stürzt Deutschland ins Chaos.

Stadtschreiber: Hochverehrtes Publikum! Wir stecken mitten in der 48er Revolution. Im 150. Jahr nach dieser Revolution haben wir heute zwei berühmte Zeitzeugen zum Gipfel der Poeten gebeten: Den Dichter, Arzt und Parapsychologen Justinus Kerner aus Weinsberg und den Schriftsteller, Politiker und Kunsthistoriker Ludwig Pfau aus Heilbronn.

Stadtführerin: Beide streiten 1848 für die Demokratie in einem vereinten Deutschland. Aber sie haben unterschiedliche Vorstellungen, wie Demokratie funktionieren soll ...

Ludwig Pfau: Wir harren all' auf einen Tag. - Und der Tag, der Tag wird scheinen, für die Großen ein flammender Wetterschlag, - und ein Ostertag für die Kleinen. Der Tag wird kommen! - 0 herrlicher Tag, o herrlicher Schlag! Wenn sie aufsteh'n die Nationen und zerschmettern die alte Qual und Plag, haben keine Angst mehr vor Thronen. Der Tag wird kommen! Ha! Kommen wird er wie's Morgenrot, das heraufsteigt jeden Morgen. Wir harren all auf diesen Tag, - wir harren all auf diesen Schlag. Und er wird kommen!

Justinus Kerner: Die Politik ist des Teufels Werk, rechts und links. Die ganze Politik ist ein Saudreck! Glaubt's!

Stadtschreiber: Ist das alles?

Justinus Kerner: Die Freiheit, die uns Einheit schafft, sei unser Losungswort! 0 töne Wort mit Donnerkraft von Gau zu Gaue fort! Frechheit ist uns're Losung nicht. - Nicht Meinungstyrannei! Der Sklave, der die Ketten bricht, ist darum noch nicht frei! Frei ist, wer frei sich selbst bezwingt, fest hält an Ordnung, Recht! Doch wer tollkühn sich überspringt, ist seines Wahnes Knecht.

Stadtführerin: Der Konflikt zwischen dem radikalen Ludwig Pfau und dem Monarchisten Justinus Kerner ist vorgezeichnet. Dabei fängt alles friedlich, ja romantisch an.

Die Poeten

Stadtschreiber: Dichter, Arzt, Naturforscher, Heimatkundler: Das alles und noch mehr ist der Oberamtsarzt Justinus Kerner. Der gebürtige Ludwigsburger lebt und wirkt seit 1819 mehr als die Hälfte seines Lebens in Weinsberg.

Ludwig Pfau: Fürwahr, sein gastfreundliches Haus in Weinsberg entwickelte sich zu einem geistigen Zentrum der literarischen Romantik in Schwaben. Justinus Kerner war 35 Jahre älter als ich. Aber ich hörte viel von den geistigen Höhenflügen und über das fröhliche Zechen im Kernerhaus.

Justinus Kerner (singt): Wohlauf, noch getrunken den funkelnden Wein ...

Stadtführerin: In der Poesie von Justinus Kerner finden wir tiefempfundene spätromantische Lyrik, Balladen und stimmungsvolle Erzählungen. Seine Dichtung atmet Humor, Wehmut, Mystik, Vision.

Justinus Kerner: Laßt mich in Gras und Blumen liegen und schaun dem blauen Himmel zu ...

Stadtschreiber: Kerner und Pfau begegnen sich heute beim Gipfel der Poeten nicht zum erstenmal. Pfau ist der Sohn des Heilbronner Kunstgärtners Philipp Pfau, für den er oft Obst und Gemüse ausliefert.

Justinus Kerner: Was war der kleine Ludwig für ein netter Kerl! Er liebte den Beruf des Vaters, wollte Naturforscher werden. Oft kam er als Frühlingsbote in unser Haus in Weinsberg und brachte die ersten Gurken aus dem väterlichen Frühbeet. Als Jüngling schrieb er schon sehr brave Gedichte.

Ludwig Pfau: Kaum sind die Blumen erblüht, so stürzen die brennenden Falter in die Kelche hinab, wie in ihr heimatlich Haus. Liebliche Blüten der Luft, seid ihr die Seelen der Blumen, welche der Winter begrub, welche der Frühling erweckt.

Stadtführerin: Trotz aller Romantik erwacht in Pfau schon früh der Widerspruchsgeist gegen die Obrigkeit. Graf Neipperg aus Schwaigern hatte ihn zu einem Besuch auf seinem Schloß eingeladen. Pfau kommt nicht. Warum?

Fortsetzung im Freizeit-Magazin (Wochen-Beilage der Heilbronner Stimme), Oktober 1998


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* © Günther Emig, Weinsberg