Literarische Landschaft Heilbronn

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Vroclav


Ein Wörtlein zur Lage der Lyrik (1976)

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Wie sie jammern, unsere Herren Lyriker: Niemand will mich drucken, keiner liebt mich; und schimpfen: auf die Zeitungen, die ihre Feuilletons dichtmachen, auf die Rundfunksender, die kaum noch Lyrik bringen, und auf all die, die der Poesie an den Karren fahren.

Mit der Poesie sei es wie mit den Pinguinen, lese ich: Als sie mit Fliegen aufhörten, verlernten sie es...

Doch unverdrossen machen sie weiter, die Naturbewisperer, fangen an bei den Brüdern Montgolfier und landen wie der Schneider von Um - auf dem Bauch.

Schluß mit der Diffamierung der Poesie, lese ich, und der das schreibt, der Dichter Oskar Waldmann, hat Angst, entsetzliche Angst, daß man ihn hinter Gitter stecken könnte, mit einem Etikett am Käfig: poeta minor; und die Schüler kämen klassenweise mit Bussen, und ein besonders frecher Quintaner würde ihm altes Brot vorwerfen - trotz des Schildes "Füttern bei Strafe verboten!"

Ja, wenn sie schon vom Aussterben bedroht sind: Warum fangen wir sie nicht ein und verfrachten sie in ein Poetenschutzgebiet (so eine Art Dichterrepublik für Hungerkünstler)?

Da könnten sie, von den Widrigkeiten des Lebens unbehelligt, ihre Verse zwitschern, bis zum Verstummen brüten und ein- oder zweimal im Jahr, im Frühsommer und im Spätherbst, würden wir rausfahren und sie aus sicherer Entfernung begaffen, würden uns gegenseitig anstoßen und "Haste das eben gesehen" zuflüstern, wenn sie ihre Tauschgeschäfte erledigen: Biete zwei Daktylen für eine Agitprop-Pointe!

Und wie sie in Rudeln zusammenhocken, jeder x-mal gedruckt in den Zeitschriften seiner Kollegen, die diese drucken, um selbst gedruckt zu werden: Ein Salut den Kleinzeitschriften! Der eine: Ich habe in Abraham Seltsams Zeitschrift ein Gedicht veröffentlicht. Die Zeitschrift ist natürlich längst vergriffen und wird zu horrenden Preisen gehandelt (Was er nicht sagt: daß die Auflage nur sieben Exemplare betrug, von denen zwei Exemplare für das Archiv des Herausgebers abzurechnen sind und nochmals drei Exemplare als Druckbelege für die Autoren).

Der zweite: Der Literaturpapst persönlich hat mich in einem Nebensatz lobend erwähnt. Sehen Sie... (Wir sehen wohl!)

Der dritte: Die Literaturmafia...

Und siehe da, plötzlich weiß jeder etwas zu sagen. Keine Rede mehr von verstummenden Dichtern! Jeder erzählt von seiner Arbeit, keiner merkt, daß keiner zuhört, jeder ist glücklich in seiner Rolle als tragischerweise Vereinsamter.

Keiner fragt nach Formen des neuen Gedichts, alle sind sich einig: Kurz muß es sein, und Vorbild ist der Lettrist Karl Zeilenschinder mit seiner Arbeit

November


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Was sie fasziniert? Nicht die poetische Aussage, sondern die Tatsache, daß Karl Zeilenschinder ein Zeilenhonorar von 18 x DM 1,75, also DM 31,50 erhalten hat, pro Buchstabe, die Überschrift nicht mitgerechnet, DM 1,09.

(Beim Versuch, ein entsprechendes Langgedicht, zweiundzwanzig-strophig, bei einer Tageszeitung unterzubringen - Karl Zeilenschinder hatte ein Honorar von DM 483,25 erhofft -, erhielt er durchweg Absagen. Das bekehrte ihn. Inzwischen bekennt er sich zur Agitprop-Lyrik. Sein letztes Gedicht:

Redakteur

Schlagt ihn tot
er ist einer

2

Ein Nachbar erzählte mir neulich von einem früheren Mitschüler, C. geheißen, der heute als Schriftsteller (Lyrik, Sektion Hermetismus) recht erfolgreich ist. Der Deutschlehrer habe jenen C. oft wegen grammatikalischen Unvermögens getadelt. Auch mit der Orthographie soll es nicht zum besten gestanden haben. Heute schreibe dieser Mensch Gedichte, die wegen ihrer Kühnheit überall Bewunderung fänden. Die Rechtschreibfehler korrigiere der Lektor, und die windigen Satzkonstruktionen, für die es im Abitur gerade noch zur Ausreichend gereicht habe, gälten fortan als geniale Konstrukte.

Nur eins habe sich sein Verleger vertraglich ausbedungen: Daß C. niemals Prosa schreiben dürfe. Warum? Weil sein Satzbau die hohe Kunst entlarve.

3

Ja, und nach solchen mageren Jahren (vielleicht gegen Herbst 1975?) ...

"Die Lyrik hat sich in Deutschland zu neuem Ansehen durchgerungen. Der lyrische Dichter braucht sich seines Berufs nicht mehr zu schämen. Das Mal der Dichtung, das zu Freiligraths Zeiten noch ein Kainszeichen war, ist mittlerweile ein Zeichen der Zeit geworden, deren aufmunterndem: "Prost!" der Lyriker ein feurig bejahendes "Mahl-Zeit!" entgegensetzt. Tausend fleißge Hände regen sich. Es ist eine Lust zu dichten."

4

Na, dann mal los, Gevattern, rührt Euch! Und: Prost Mahlzeit allerseits!


Aus: Haarige Sachen. Neue Gedichte von N. N. Karlsruhe 1976.

Zu Punkt 3 lies nach bei Peter Scher: Das Zeitalter der Lyrik. In: Die Aktion. Wochenschrift für Politik, Literatur, Kunst. Herausgegeben von Franz Pfemfert. Jg. 1913, Sp. 645.


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