Von Petra Pauli
Gott, ein harmloser Narziß, oder sagen wir besser von grundguter Selbstverliebtheit, schuf sein tragisches Wesen: den Menschen. Legt Volker Doberstein seinem abgrundbösen Helden in den Mund.
Der gebürtige Heilbronner, der in der Heimatstadt seinen Debütroman "Die Schule des Bösen" (Elfenbein-Verlag) vorstellt, ist im Grunde - das sagt er selbst - ein schrecklicher Moralist: Der Mensch könne sich aus eigener Kraft zum Guten erziehen, doziert der Literaturwissenschaftler im Kaffeehaus Hagen, um sodann den Umkehrschluß zu ziehen, "man kann sich aber auch zum Bösen erziehen".
Schreiberisch hat sich der 33jährige Wahl-Heidelberger Doberstein für letzteren Weg entschieden. Was man nicht erwartet hat: Das Bitterböse ist charmant. "Auch das Böse hat Mittel, muß sich verkaufen", ist Volker Doberstein überzeugt und schrieb in eineinhalb Jahren keine eklige Satansgeschichte, sondern 198 erstaunlich witzige Seiten.
Der Protagonist Robert L. Dornheim besitzt die Attribute des Teufels. Sadistisch, zynisch, todbringend. Ein kleiner Luzifer, nennt ihn die Großmutter aus Enttäuschung darüber, daß der ein Junge und nicht nach ihr, Luzia, getauft worden ist. Mit 33 Jahren schreibt er sein Leben nieder, desillusioniert eingangs: "Lassen Sie sich nicht dazu verleiten, beim Lesen nach Gerechtigkeit zu fragen."
Gerechtigkeit sei nie mehr als ein tödlicher Irrtum. Woher der Erzähler das weiß? "Es genügt, sich vor Augen zu führen, wie und was der Mensch im Lauf der Zeit gelernt hat ... Und man gelangt zu der Erkenntnis: Wir besitzen kein Gewissen, nur ein Gedächtnis!"
Doberstein ist. nicht Domheim, "Schule des Bösen" kein autobiographischer Roman - auch wenn der Fatalismus des Ich-Erzählers noch so authentisch wirkt ("Jedes Leben ist nur der Verlust einer Utopie, der Mensch kann nur böse sein"). Der Erzähler ist eine reine Kunstfigur. Und damit diese nicht künstlich wirke, hat Doberstein sie mit einem historisch genau recherchierten Umfeld umgeben. Die Lebensgeschichte spielt in Heidelberg. Nicht in Heilbronn: "Weil hier meine Familie wohnt."
Daß der Held des Buchs seine Geschichte von Beginn, also von seiner Zeugung an, erzählen kann, ist ihm nur möglich, da er "jenen brüchigen Stellen, die sich der exakten Bestimmung durch mein Gedächtnis entziehen, frei, aber stimmig zu füllen" versteht. Denn der teuflische Robert Domheim weiß: Der Mensch verabscheut Lücken weit mehr als Lügen. Dies ist sein heiliges Gebot, dem folgend er nichts ausläßt. Nicht den Seitensprung seines Vaters, der seiner ehelichen Zeugung vorausgeht, nicht das "Herumfummeln" des Religionslehrers an seinem Schulfreund, nicht das Totkicken der Tauben im Schulhof, nicht der Mord, den er mit der Kuchengabel an der Großmutter begeht. Auch nicht sein erotisches Debüt mit der Köchin Anna.
"Ist der Roman eine Anleitung zum Bösen?", fragt eine Zuhörerin, als wüßte sie selbst nicht, ob sie besorgt sein oder gleich Sozialkritik üben soll. Doberstein fächelt sich mit dem Lesezeichen Luft zu. "Das Gute zu beschreiben ist zu langweilig für ein Debüt, das Böse bietet da weitaus mehr Möglichkeiten."
Heilbronner Stimme, 10. 6. 1998)